Über die Kirche in Berthelsdorf

Die Berthelsdorfer Kirche wurde 1346 erstmals urkundlich erwähnt. Kirchenerweiterungen fanden 1507, 1616 und 1675 statt. 1747/1756 erfolgten tiefgreifende Umbauten. Blitzschlag zerstörte 1772 erheblich den Dachreiter. Nach Plänen von Gotthilf Ludwig Möckel (1838-1915) wurde 1881/82 der Westturm errichtet. Ebenfalls unter Möckel wurde in den Jahren 1882/83 das Kirchenschiff in neuromanischen Formen umgestaltet.

Aufgrund des beherzten Auftretens der Kirchgemeinde konnte das Kulturdenkmal in den 1970er Jahren vor dem Abriss bewahrt werden. Nach langen Überlegungen und Prüfungen stimmte 1991 das Ev.-Luth. Landeskirchenamt zu, in einem ersten Schritt den überaus gefährdeten Westturm zu reparieren. Es folgten in kleinen Bauabschnitten die Instandsetzung der Dächer und der Schiffsfassade. Als im Jahre 2004 die marode Elektrik- und Beleuchtungsanlage erneuert werden sollte, wurde im Kirchenschiff erheblicher Schwammbefall festgestellt. Umfangreiche Zimmerer-, Putz- und Malerarbeiten waren nötig, ehe schließlich die letzte Heizung und Lampe in diesem Jahr angeschlossen werden konnte.

Bei restauratorischen Voruntersuchungen wurden alte Farbreste der möckelschen Fassung entdeckt. Die große Gestaltungskraft Möckels äußert sich nicht nur im Entwurf der Fassade, sondern auch in der Harmonie, mit welcher er dem barocken Raumzuschnitt die Formenideale seiner Zeit einschrieb. Der Großteil der von Möckel beeinflussten Ausstattung blieb mit der kassettierten Holzdecke, dem Triumphbogen, den Türen, dem Gestühl, den Emporen, Kanzel, Orgel, Altar u.a. bewahrt. Der Innenraum besitzt deshalb noch einen erheblichen Reiz, auch wenn man die zugehörigen Farbfassungen überstrichen oder herausgewaschen hatte.

Möckel, ein gebürtiger Zwickauer, stammte aus bescheidenen Verhältnissen. Deshalb musste er für seine Ausbildung eine Art Fernstudium wählen, welches deutschlandweit eigentlich nur am progressiven Polytechnikum in Hannover unter K. W. Hase möglich war. Durch Hase wurde er vor allem zum Neugotiker geprägt. 1866 kehrte er nach Zwickau zurück und bildete dort mit dem Schinkelschüler K. A. Schramm die Zwickauer Sonderheit mit ihrer frühzeitigen und bahnbrechenden Hinwendung zur neugotischen Backsteinweise maßgeblich mit heraus. Mit der Christuskirche in Freital-Deuben 1869 und der Zwickauer Lukaskirche 1872-76 bereitet Möckel seinen Weg zum prägenden Meister der sächsischen Architekturgeschichte des 19. Jahrhunderts. 1875 siedelte er nach Dresden und 1885 nach Bad Doberan über. In die Dresdner Zeit fallen die Arbeiten an der Berthelsdorfer Kirche. Diese gehört zu den wenigen Werken des großen Meisters, in denen neuromanische Stilmittel den Entwurf bestimmen.

Viele Möckelbauten zählen, wie auch St. Johannis in Dresden, die bedeutendste neugotische Kirche Sachsens, zu den Verlusten des letzten Krieges. Das Landesamt für Denkmalpflege Sachsen erkannte deshalb seine besondere Verantwortung gegenüber dem verbliebenen Werk Möckels und auch gegenüber des Berthelsdorfer "Sonderlings". (nach: Dr. phil. Walburg Törmer-Balogh, Landesamt für Denkmalpflege Sachsen)


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